Die Schildkröten von Tirana

Erst einmal ankommen nach so viel Fahrerei, war jetzt die Devise am Skohdra-See. Echt viel zuletzt gesehen: Dörfer in dem jedes Haus Einschusslöcher hatte, Grenzübergänge und kilometerlange LKW-Staus, die man als Mitteleuropäer nur noch als Relikt der Vergangenheit kennt. Das alles in total beeindruckenden Landschaften zwischen mediterran und alpin. Wir mittendrin, wie uns scheint, meist als Hindernis für einen Wahnwitzigen, der uns in einer Kurve ganz dringend überholen muss.

Auf dem Campingplatz sind wir eines von fünf Wohnmobilen. Die meisten anderen sind mit riesigen Plastik-Schiffen unterwegs, ziehen Anhänger mit Zusatzfahrzeugen hinter sich her und  gehen aufs Pensionsalter zu. Für viele scheint Albanien Mittel zum Zweck um von Griechenland nach Kroatien auf ihrer Ostadria-Route zu kommen. Wir müssen einkaufen. Zunächst aber einen Geldautomaten suchen. Fündig werden wir in Koplik. Die Fahrt durch das Zentrum ist absurd. Stau auf einer kleinen Straße mit zwei Spuren. Dennoch kommen andauernd Auros von hinten an einem vorbei geschossen und scheren dir knapp vor der Stoßstange wieder rein. Großes Kino! Raiffeisenbank. Ja tatsächlich, hier gibt es sie noch. Im Mini-Markt nebenan, Wasser und Kleinigkeiten. 

Unsere Freundin Anne aus Tirana meldet sich. Übermogen hätten sie den ganzen Tag Zeit. Wir brechen am nächsten Tag mit Respekt für die lokalen Besonderheiten des Straßenverkehrs auf😂. Etwa 100km. Die Straßen über Land sind top. In den Städten sind die Kreisverkehre und Schlaglochdichte eine wirkliche Challenge. Aber man adaptiert ja rasch: auf keinen Fall zu langsam fahren, nennen wir das Prinzip mal „forsch, aber aufmerksam“. Wir überqueren eine Brücke in Schrittgeschwindigkeit. Schlaglöcher again. Damit keine LKW drüber fahren, riesige Betonpoller auf beiden Seiten. Vertrauenserweckendes Konzept. Der Camping Tirana soll 10km vor den Toren Tirana’s liegen. Aber wo ist die Ausfahrt von der Stadtautobahn? Wir landen an einem drei bis fünf spurigen Kreisverkehr. Das Ortsschild „Tiranë“ sagt uns, dass wir zu weit gefahren sein müssen. Dem Autokreisel des Todes entronnen, geht es zurück zur Shopping Mall CityPark und von dort über Felder und eine gewundene Schotterpiste bergauf und bergab zum Camping Tirana, der richtig idyllisch an einem kleinen Stausee liegt. Über uns weht die rote albanische Flagge 🇦🇱 mit dem doppelköpfigen Adler. Gemeinsam mit den Grillen surren die Hochspannungsmasten über uns. Die älteren Wohnmobilisten (allesamt Hundebesitzer und dies scheint irgendwie zusammen zu gehören) begrüßen uns freudig. Wir sind früh angekommen und erkunden die Gegend in der sengenden Hitze des Nachmittags. Ziel ist einer der umliegenden Hügel, um von dort die Aussicht auf Tirana zu genießen. Auf der Suche nach einem Weg auf eine der Anhöhen werden wir das erste Mal von zwei Hunden mies angekläfft. Svenja erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange. Bruno und ich ziehen sie weiter an den Hunden vorbei. Der Weg hat keine Fortsetzung bzw. geht es nur im Unterholz weiter und die leibhaftige (ganz sicher Gift-) Schlange, die wir eben vor uns gesehen haben, sagt uns „kehrt mal besser um“.  Wir bewaffnen uns mit einem Stock und größeren Kieseln und treten den Hunden ein zweites Mal, nun furchtlos und tapfer entgegen und ignorieren sie einfach mit ihrem protzigen Gebelle. Vorbei geht es an braungebrannten Feldarbeitern, Bilderbuchmotiven von wettergegerbten alten Männern mit Eseln und zahnlosen alten Roma-Frauen in Kittelschürze mit Kopftuch, die in einer nie gehörten Sprache auf Bruno einredet, einer Bande von Kindern, die nach unseren Namen fragt und natürlich weiteren kläffenden Hunden, einer exponiert gelegenen Moschee, auf einen Hügel weit über Tirana, von dem aus wir die ganze Stadt überblicken. Auch hier finden wir einen der unzähligen Bunker, die zum Erbe Albaniens gehören. Hier in Form einer verfallenen Flugabwehr-Station. Zurück gehen wir nicht den selben Weg. Ein Albaner, der gut deutsch spricht und eine Mauer am Wegrand repariert, zeigt uns, wo lang. 

Wir dachten das rot-weiße Warnschild „kreuzende Schilkröten“ am Campingplatz sei ein Witz. Weit gefehlt 😂. Auf dem Rückweg begegnen uns bestimmt zwanzig der putzigen Landschildkröten, die hier gemütlich im Stile von Kühen den Hang abgrasen und vor uns ihre Köpfe einziehen. Die liebenswürdige Campingplatz-Besitzerin und ihre Tochter haben einen Narren an Bruno gefressen und sorgen für seine Unterhaltung. Der Abend ist wunderschön: Glühwürmchen soweit wir sehen können, gepaart mit dem Gesang der Frösche vom See nebenan. 

Tags darauf kommen Anne und Familie auf den Campingplatz und bringen Frühstück mit. Nach Tagen wieder richtige Butter! Die albanische Butter schmeckt echt seltsam. In etwa so wie das indische Ghee, falls das schon mal jemand pur versucht hat... 😬 Wir fahren den Vieren hinterher nach Tirana zu deren zuhause. Das Fahren ist relaxt. Wir hatten das Wildeste erwartet. 
Wir waschen dort, baden Bruno und löchern Anne und David, wie deren Alltag aussieht und das Programm, in dem sie hier insgesamt fünf Jahre mitarbeiten werden. Klassische soziale Arbeit und Aufbau von Strukturen und Prozessen einer Gemeindearbeit unter dem Dach eines evangelischen Trägers trifft es glaube ich ganz gut. 
Echt mutig und stark, wie die vier das hier als Familie durchziehen!
Tante Timbuktu steht derweil sicher verwahrt auf einem bewachten Parkplatz uns Eck. Manchmal muss man das Gefühl von Sicherheit in einem unbekannten Land ja erst entwickeln. Der bewachte Parkplatz wäre im Nachhinein wohl nicht nötig gewesen.
Danach sollte es eigentlich zum Skanderbeg-Platz und in den zentralen Park Tiranas gehen. Doch es kommt ganz anders. David erhält von einem Gemeindemitglied einen Anruf, ob er mit seinem Auto helfen kann, eine Essens-Spende für hilfsbedürftige Kinder zu transportieren. Wir kommen mit und landen in diesem Zuge in Tirana’s Roma-Viertel zu Besuch bei einer irre herzlichen und gastfreundlichen neunköpfigen Familie, die in einem Raum gemeinsam lebt. 
Wir beschließen den Tag und das Wiedersehen mit Byrek im Café Shariza in Anne und Davids Viertel (Yzberisht?). Erneut haben wir viel erlebt in den letzten Tagen. Das Team Niethammer ist sich einig: wir sind jetzt reif für‘s Meer 🌊 😊