Sunday Bloody Sunday

In Orikum haben wir das schöne Gefühl, nicht lange für unser Glück haben suchen zu müssen: Wir sind direkt am Meer, der Ausblick auf die Bucht und die Karaburun-Halbinsel sind fantastisch und Brunobekommt sogar seinen eigenen Sonnenschirm als mittäglichen Schattenspender aufgestellt. 

Hans und Petra unsere Nachbarn aus Ansbach sind mitteilungsfreudig und kommen seit zwölf Jahren regelmäßig an diesen Ort mit ihrem treuen Begleiter, einem 32 Jahre alten Mercedes James Cook Ausbau, zurück. Eigentlich sollte es dieses Jahr noch weiter gehen an den “Bellebonnees”, was nun aber nicht geklappt zu haben scheint. Sie scheinen jedes Schlagloch auf dem Balkan zu kennen. Schwärmen uns aber auch von ihrem letzten Trip nach Marokko vor. Als wir ankommen, sind die beiden und ihre Hunde Ronja und der zugelaufene Ali, schon stattliche 20 Tage hier. Den Vormittag wandelt Petra komplett entschleunigt im marokkanischen „Nachthemd“ (?😂) über das Gelände. Das tägliche Frühstück der beiden wird mit einem “Hach, das ist ein Leben!”, gefolgt von einem Gläschen Prosecco (stammt aus einer Dose) mit einem Schuss Weinbrand (Chantre) zelebriert. Der Aktionsradius der beiden ist entsprechend gering und wir sind überrascht, als die beiden ankündigen, dass Sie spontan für einen Kurztrip in die albanische Kulturhauptstadt Gjirokaster aufbrechen. Derweil erben wir ihren Stellplatz, noch direkter am Strand ☺️. Hach, das ist ein Leben, sagen wir uns.   

Es herrscht umtriebiges Werkeln und alle Restaurants und Strandbars scheinen das, was man zum Ende der letzten Saison einfach hat verrotten lassen, nun “abzureißen” und neu zu machen. Überall werden aus Schilf Sonnenschirme für den Strand von Hand gefertigt. Vorsaison-Stimmung. Der Bagger planiert gerade den Strand vor unserer Haustür. Das Meer ist eine Wucht: noch etwas kalt, aber glasklar und zum Schwimmen ideal. Und wer hat schon seinen eigenen Sandstrand, denn außer uns, scheint dieser keinen zu interessieren. 

Wir erkunden die Gegend zu Fuß, was so viel bedeutet, wie: lauft entlang der Durchfahrtsstraße bis in den nächsten Ort und lasst euch nicht von den Autos, die nur Zentimeter an euch vorbeirasen, verunsichern. Die Architektur dorthin bewegt sich zwischen Bauernhäusern, sozialistischem Wohnungsbau und Investitionsobjekten russischer Neureicher. Ziegen- und Schafherden überqueren regelmäßig die Straßen. Gerne überholt uns ein dicker AMG Mercedes. Sowieso scheint sich Albanien bereits drauf zu freuen, uns alle alten Diesel SUVs günstig abzunehmen. Die Dimensionen der Zufahrtsstraße zur Strandpromenade scheinen die Erwartungen an eine prunkvolle und prosperierende Zukunft zu spiegeln, doch lässt diese wohl schon ein wenig auf sich warten. Doch nicht abzustreiten: das Land ist im Aufbruch! Vielleicht noch nicht im touristischen Fokus von uns, aber sicherlich in dem vieler Osteuropäer.
Immer mal wieder, wenn ein Truck anrauscht, habe ich die Anfangssequenz von “Auf Achse” (Günther Willers, Franz Meerstonk, Terminfracht... ihr kennt doch sicherlich noch die Truckerserie aus den 80ern?) vor mir. 
Das Einkaufen macht hier großen Spaß. Beim Bäcker bezahlen wir umgerechnet 1,50€ für ein Brot, eine Pizza-Schnitte und zwei Börek mit Schafskäse. Bei unserer Campingplatz-Chefin Flora bezahlen wir am Ende für fünf Nächte nur vier und damit vierzig Euro. How good can it be 😊. 
Während bei uns Plastiktüten in keinem Supermarkt mehr zu finden sind, sind sie hier fester Bestandteil eines jeden Einkaufs und damit leider auch des Landschaftsbildes.
Wir lernen spannende Neuankömmlinge auf dem Campingplatz kennen. Ein Unternehmerpaar aus der Nähe von Pforzheim, die ihr Haus verkauft und das Unternehmen aufgrund Mangels an Nachwuchskräften abwickeln, um künftig mit ihrer „‚fahrenden Zweizimmerwohnung“ Europa zu erkunden. 

Wir legen uns in den fünf Tagen in Orikum, wenn man so möchte, einen Elternzeit-Alltag zu. Feste Essenszeiten, gemeinsamer Mittagsschlaf mit Bruno, abends früh ins Bett, Svenja Nachtdienst, Flori Frühschicht ... Aber jeder wird es wohl kennen: es ist dann gar nicht immer so einfach, mal wirklich nichts zu tun, nicht irgend etwas aufzuräumen, zu organisieren, vorzuplanen. Aber wir arbeiten daran 😊. 

Musikalisch begleitete uns diese Woche die “Hochzeitskapelle”, das famose Blasmusik-Nebenprojekt der Band The Notwist. Quasi: Reggae für Eigentlich-Reggae-Hasser😜. 

Bruno macht hier Riesensprünge und kann ganz vieles ganz neu. Die Campingplatz-Katze Tommy motiviert ihn, an zwei Händen geleitet, erstmals auf zwei Beinen, in einem Affentempo und mit lautem Gejauchze, über den Platz, dem Tommy hinterher zu wackeln. Bruno brabbelt und sagt lustige Dinge wie Hamham, Mama, Mapa, Pama... Auf dem nahegelegenen Spielplatz interagiert der kleine Fetz mit anderen Kindern und wird von einer pummeligen Ballerina kurzerhand durch die Luft gewirbelt. 
Als wir letzten Sonntagmorgen um sechs von unserem kleinen Prinzen geweckt werden, sind wir seinem unbändigen Bewegungsdrang, der unmittelbar nach dem Aufwachen einsetzt, hilflos ausgeliefert. Sein Versuch aufrecht in Tante Timbuktu’s Hochdach hinzustehen scheitert und sein wankender Hinterkopf verpasst Flori’s Nase einen saftigen Hieb. Während der mit seinem blutenden Zinken beschäftigt ist, kracht es erneut und es fließt noch mehr Blut. Dieses Mal ist es Svenja‘s Lippe, die dem kleinen Dickkopf im Weg steht 🙈. Wir stehen dann mal besser auf, würde ich sagen 😂.