Der MacGyver-Moment, Repeat Roland und der Weg nach Hause

Am wunderschönen Strand von Prapratno baden wir zwei Tage und schlafen unter hohen Kiefern. Wir müssen dringend Wäsche waschen, haben kurzzeitig einen Wäscheständer von einem Holländer geliehen. Alsunsere zwei Maschinen fertig sind, braucht er ihn doch selbst und wir stehen da mit dem nassen Zeug. Alle Spanngurte und Schnüre, die wir finden können, reichen nicht aus. Was hätte MacGyver indieser Situation wohl getan? Ich glaube er wäre richtig stolz gewesen, hätte er unsere Konstruktion sehen können: In unserem Kulturbeutel finde ich 120 Meter absolut reißfester Zahnseide, die zudemherrlich nach Pfefferminz duftet😂. Der Versuch gelingt tatsächlich und wir spannen uns eine Wäscheleine von bestimmt 7 Metern zwischen die Bäume. Das Ding hält mehrereTage einwandfrei. Von daher, abmit der Zahnseide ins Survival-Kit😜.

Meistgehörte Musik auf dem Plattenteller:

Tuber - Out of the Blue (Griechischer Instrumental-Rock)
The Spacelords - Water Planet (Psychedelic Spacerock aus Reutlingen)
Ola Kvernberg - Steamdome (norwegischer Jazzviolinist)

Als am dritten Tag morgens Gewitter aufziehen, haben wir bereits gepackt und machen uns auf gen Heimat. Die folgenden Stunden werden unfassbar anstrengend. Hinter Split beginnt es mit dem ersten Gewitter, Starkregen und Hagel. Das Spiel soll noch einige weitere Male folgen. Insgesamt geraten wir in fünf Gewitter und zwei Hagelattacken. Die Temperatur stürzt von 27 auf 12  Grad. Die A1 endet und wir nehmen die Landstraße in Richtung Ljubljana. Immer noch mehr Regen, Ahhhhhh... aber endlich erreichen wir unser Etappenziel oberhalb des Krka-Tals, scheinbar am Ende der Welt, das Gasthaus von Boris und Miriam Novak. 

Wir folgen einer Empfehlung hierher und sind die einzigen, die nicht des Angelns wegen heute hier sind. Kein Problem, wie können vor dem Haus übernachten, dürfen sogar Dusche und Bad benutzen. Um 18:00 füllt sich die alte Bauernstube mit Gästen, eine einheimische Großfamilie und ein Trupp deutscher Angler. Die Dorfjugend und der Ortssheriff sitzen mit ihren Drinks auf der Terasse. Allen wird das Tagesmenü serviert. Das leckerste, was wie seid ganz langer Zeit auf den Tisch bekommen. Selbstgemachtes Brot, Salami und Schinken, kräftige Rinderessenz, ein Gourmet-Kalbsbraten mit gelben Karotten und einer Kartoffel mit zerlassener Butter. Einfache Zutaten, perfekt zubereitet. Zum Abschluss eine ausgebackene Akazienblüte mit Rhabarbereis und einem selbstgebrannten Schnapps. Bruno erkundet den Laden und zeigt, zur Begeisterung und Freude der anderen Gäste, wie einen ein Neunmonatiger Junge auf Trapp halten kann. 

Die Tische rücken zusammen und man ist direkt beim „Du“. Ich sitze neben Roland aus Regensburg, auch er hier im Revier zum Fliegenfischen. Wie mir scheint, die absolute Königsdisziplin des Fischens und fast schon eine religiöse Handlung für manche hier 😮.
Roland teilt mit mir seine Flasche Rotwein (der Weinkeller des Hauses muss legendär sein, und Boris veranstaltet nebenher noch zwei Orange Wine Festivals in Slovenien und Italien) und wir tauschen uns aus. Vielleicht bin ich zu interessiert, oder der Wein zu gut. Irgendwann gerät das Gespräch in eine “Und täglich grüßt das Murmeltier” -mässige Dauerschleife. Roland: “Florian, oiso ersdens, ich soags Dir, Fliegenfischen, dees is a wunderbares Hobby, füar Dich ganz allein, nur Du und die Natur. Die Ruhe. Zwäitns, Imkern: das perfegde Hobby gemeinsam für Dich und Däinen Sohn. Der erste äigene Honig. Wunderboar. Die Bienen sind wie die Wäibar soag i imma. Meinen Enkeln moach I imma Honig Nutella, äinfach Kakao mit Honig mischen. Wunderboar.” Ich zeige mich begeistert und will mehr wissen. Es folgen ein paar Details, die Gläser werden erneut gefüllt und “Repeat Roland“ legt erneut los. Svenja beobachtet uns vom Platz nebenan: Er genauso enthusiastisch wie zu Beginn, ich offenbar genauso interessiert, als würde ich das nun folgende zum ersten Mal hören 😂. „Florian, oiso ersdens, i soags Dir, Fliegenfischen ... ihr kennt den Rest 😂. Wir tauschen E-Mailsdressen aus und verabschieden uns, und falls ich jemals mit Fliegenfischen anfange, werde ich definitiv Roland zu Rate ziehen. 

Die Nacht ist kurz, um halb fünf schleichen wir durch den Frühnebel, Wiesen und Wälder bis zur nächsten Autobahn. Bruno schläft den Schlaf der Gerechten im Kindersitz und Svenja liegt dahinter im Kofferraum-Bett. Die slovenischen Alpen im Sonnenaufgang sind wunderschön und auch hierhin wollen wir definitiv mit mehr Zeit zurück kommen. Karavankentunnel, Tauernautobahn und wir stehen nach vier Stunden fahrt, wovon Bruno nur eine mitbekommt, vor Salzburg. Noch etwas weiter und wir sind am Obertrumer See, unserem letzten Etappenziel. Es ist Sonntag und alle Campingplatzgäste reisen ab, während wir Tante Timbuktu fein in erster Reihe direkt am See parken. Wir drei genießen den zunächst letzten Sonnentag laut Wetterbericht und blicken auf vier ereignisreiche Wochen on the road zurück. 

Wir sind stattliche 5.000 Kilometer gefahren, ohne eine einzige Panne, haben mit Bruno, dem reisenden Baby gemeinsam sein dreizehntes Land bereist ☺️🙈, haben Albanien und den Balkan für uns als Urlaubsregion entdeckt, hatten keine einzige Situation, in der wir uns unsicher oder wirklich unwohl gefühlt haben, haben hunderte von Wohnmobilen gesehen und im eigenen Praxistest festgestellt, dass wir uns keinen tolleren Ausbau als unseren vorstellen können (@Jürgen: irgendwann in ein paar Jahren, müssen wir das Projekt Allrad-Crafter angehen 😜) und freuen uns jetzt auch wieder total auf zuhause (eine nicht unwichtige Funktion von Reisen, wie wir finden). 

Letzter Reisetag: kleiner Umweg über die Rossfeld-Panoramastrasse oberhalb von Berchtesgaden. Die höchste Straße Deutschland‘s bis auf 1.600 Meter hinauf. Zwischenstopp zum Schwäinsbrodn mit Knedln essen im Biergarten der Klosterbrauerei Reutberg. Dann noch zweieinhalb Stunden bis nach Hause. Als wir als erste Tat um 17:00 in Reutlingen im Drogeriemarkt stehen, um ein paar Bruno Basics zu kaufen, kommen wir uns mit unserer Südeuropa-Bräune noch vor wie Falschgeld. Der jetzt verwilderte Garten zuhause strotz vor grün und im Briefkasten liegt Bruno‘s ADAC Mitgliedsausweis. Endlich, denken wir 😂. Unsere nächste Reise mit Tante Timbuktu steht bereits. Dann geht es nach Nord-Griechenland und Chalkidiki.